
Iceberg, 2003, MDF lackiert, 208 x 268 x 200 cm, Edition von 6. Courtesy Sammlg. Anke Bornemann/Harald Seick, Designer's Gallery/Gabrielle Ammann, Köln
Zaha Hadid war die erste Frau, der die Ehre zuteil wurde, den Prizker-Preis, die höchste Auszeichnung in der Architektur, verliehen zu bekommen. Dabei gehört die 1950 in Bagdad geborene britische Architektin gar nicht zu den »Vielbauern« der Zunft. Aber Hadid ist ohne Zweifel eine der einflussreichsten Architekten unserer Zeit. All ihre Entwürfe – Gebäude, Möbel, Interiors, Gebrauchsgegenstände – zeichnen sich durch eine radikale Konsequenz aus. Geprägt durch ihr Studium an der Londoner Architectural Association (mit Lehrern und Kommilitonen wie Koolhaas, Libeskind, Alsop oder Tschumi) und von ihren Vorbildern, den russischen Suprematisten und Konstruktivisten Malewitsch und El Lissitzky, entwickelte sie eine starke eigene Handschrift – eine neo-modernistische Architektur mit multiplen Perspektiven und fragmentierter Geometrie. Wände, Decken, oben, unten, rechte Winkel: alles scheint bei ihr in Frage gestellt und zu einem, wie sie selbst sagt, »neuen Fluid, einer neuen Räumlichkeit« verschmolzen zu werden.
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U.F.O. – Grenzgänge zwischen Kunst und Design 23.05.2009–05.07.2009

Missing Object, 2004, Struktur von 9 Elementen aus geöltem Eichenholz, 40 x 40 x 20 cm, Edition von 30. Courtesy Konstantin Grcic
Konstantin Grcic gilt als eigenwilliger Design-Minimalist. 1965 in München geboren, studierte er, nach einer Möbelschreinerausbildung am Parnham College, Design am Royal College of Art in London. Es folgte eine kurze Zeit als Assistent von Jasper Morrison und 1991 die Gründung des eigenen Designbüros (KGID) in München. Grcics Entwürfe sind am besten als minimalistisch, simpel oder gar karg zu beschreiben. Auf ironische und humorvolle Weise enthalten sie oftmals nur die allernotwendigste Struktur, um das darzustellen, was sie sein sollen. Konstantin Grcics Kunden gehören zum Who is Who der Designhersteller: Agape, Authentics, Driade, Flos, Muji, Moroso, Vitra, Plank oder Thonet sind nur einige von ihnen.
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Multiplied Discussion Structure (Bench), 2007, pulverbeschichtetes Aluminiumrohr, drei Farbversionen, 41 x 245 x 61 cm. Courtesy Edition Schellmann Furniture, München
Der britische Künstler Liam Gillick (geboren 1964), der in diesem Jahr den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielen wird, ist bekannt für seine farbigen, eleganten Raumkonstruktionen aus Plexiglas und Stahl. Zwischendecken, Raumteiler, Pinboards – seine Interventionen ähneln Designkonzepten á la De Stijl und Bauhaus. Gillick zeigt, was die Idee der Moderne übrig ließ: Fertigmodule, Stellwände, Büroboxen. Seine Arbeiten sind assoziativ aufeinander bezogen und wollen zum Dialog anregen – so dürfen sich Besucher seiner Ausstellungen auf, neben und unter den Modulen versammeln und diskutieren, konferieren, schwadronieren. Die Installationen, die perfekt in den Eingangsbereich von Firmenlobbys passen würden, visualisieren Gillicks Idee bisher ungeschriebener Romane, in denen weniger bekannte historische Figuren wie etwa Erasmus Darwin, der ältere Bruder von Charles, auftauchen und neue Möglichkeiten des Handelns innerhalb unserer Gesellschaft aufzeigen.
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A 100 Chairs in 100 Days, 2007, Rosso Nero (5. Januar 2006). Courtesy Nilufar Gallery, Mailand, Martino Gamper, London
Wahrscheinlich ist die Lehre als Schreiner Schuld daran, dass der 1971 in Meran (Italien) geborene Martino Gamper eine so große Liebe zu Ecken hat und so viel Gefallen an den Emotionen findet, die durch die Grenze, die ein rechter Winkel setzt, entstehen. Gamper interessiert sich für die psychosozialen Aspekte des Designs. Er beschäftigt sich mit ungenutzten Räumen und mit unerwünschten Objekten. Seine Umarbeitungen von Möbelentwürfen anderer Designer oder von Stücken, die er vom Müll gerettet hat, bilden eine zusammengewürfelte Objektfamilie, in der dennoch jedes Mitglied eindeutig ein »Gamper« ist. Hinter jedem von Gampers Stücken steckt eine Geschichte, die Material, Techniken, Menschen und Orte einbezieht. Das fertige Objekt ist eine Quintessenz aus dem allem. Martino Gamper studierte Skulptur und Produktdesign an der Akademie für Angewandte Künste in Wien und am Royal College of Art in London.
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More Deeply Superficial Objects, 2007/2008, Polystyrol, Harz-Kaltglasur, unterschiedliche Formate. Courtesy Galerie Franziska Kessler, Zürich
Frédéric Dedelley scheint mit viel Witz und leichter Hand die Tradition des Bauhauses in die Gegenwart zu übertragen. 1964 im schweizerischen Fribourg geboren, gründete er nach dem Studium in Lausanne und La Tour-de-Peilz am Genfer See 1995 sein eigenes Designbüro in Zürich. Dedelleys reduzierter Stil setzt auf klare Linien und Funktionalität, denen er eine Prise Ironie und einen Schuss Verspieltheit hinzufügt – geometrisch, jedoch mit runden Ecken, farbig, jedoch changierend. Ein wenig mag hier noch seine jugendliche Begeisterung für Memphis-Design anklingen. Seine Entwürfe wurden unter anderem von Classicon, Driade, Wogg, Burri und Dornbracht produziert. Seine erste Serie limitierter Möbelobjekte, der er ironisch den Namen »Deeply Superficial Objects« verlieh, wurde 2007 in der Galerie Franziska Kessler in Zürich gezeigt.
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Afterwords, Autumn/Winter 2000, Installation, Teil der Modenschau »Afterwords«. Collection Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, Mudam Luxembourg
Der 1970 im zypriotischen Nikosia geborene britische Designer Hussein Chalayan hat sich einen Namen als einer der innovativsten und experimentellsten Modeschöpfer der Welt gemacht. Zweimal schon wurde er zum »British Designer of the Year« gewählt. 2009 widmete ihm das London Design Museum eine Retrospektive. Chalayans akribische Schnittkonstruktionen überschreiten mit großer Leichtigkeit die Grenzen zur Konzeptkunst, zum Design, zur Architektur, zur Technik. Für seine Outfits, deren Form schon einmal durch eine Fernbedienung verändert werden kann, verwendet er gerne auch Materialien aus der Luftfahrtindustrie, oder sie können sich in Stühle und Tische verwandeln. Inspirationen zieht Chalayan aus Philosophie, Politik, Psychologie und Kunst, oder aber aus Themen wie kultureller Identität, Migration oder Klimawandel.
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Banquete Chair, 2002, Edelstahl, Stofftiere, 85 x 100 x 140 cm, Edition von 150. Courtesy Albion Gallery, London
Keiner der beiden Brüder hatte die Absicht, Designer zu werden. Humberto Campana (geboren 1953) studierte Jura, Fernando Campana (geboren 1961) machte seinen Abschluss in Architektur. 1980 taten sich die beiden zusammen und begannen Möbel zu entwerfen – mit großem Erfolg. Der Tradition des brasilianischen Handwerks folgend und inspiriert vom chaotischen, kitschigen, sorglosen und farbigen Leben auf den Straßen von São Paulo, entstehen Möbel, die gefundene Dinge und Materialien wie Holz- oder Stoffreste, Spielzeugtiere oder Gummischläuche mit allerhöchster Perfektion zu neuen, magischen Objekten vereinen. Die Beschäftigung mit dem Material und das Bestreben, etwas Minderwertiges in etwas Schönes und Opulentes zu verwandeln, sind zentrale Themen im Werk der beiden Brüder. Einige ihrer Arbeiten wurden von Edra und Cappellini produziert und in Galerien wie Albion, Vivid, Rove, The Apartment und Moss ausgestellt.
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Rocs, 2007, Prototyp, Karton und Leinen, 150 x 310 x 50 cm (grüner »Roc« in der Ausstellung). Courtesy Vitra Design Museum, Weil am Rhein
Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec, geboren im französischen Quimper (1971 bzw. 1976), studierten Arts Décoratifs und betreiben seit 1999 gemeinsam ein Designbüro in Paris. Sie entwerfen für Firmen wie Vitra, Cappellini, Issey Miyake, Magis, Ligne Roset, Habitat und die Pariser Galerie Kreo. Ihre Liebe gilt den einfachen, intelligenten Strukturen, die bei ihnen oft organische Formen haben. Die Beschäftigung mit dem Raum und seine Ergründung sind Konstanten ihrer Arbeit. Das 2004 für Vitra entstandene System »Algue«, bei dem einzelne algenförmige Module zu einem riesigen Schwarm beliebig zusammengefügt und zu Raumteilern oder Vorhängen geformt werden können, gilt schon heute als viel kopierter Klassiker.
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Chair, 1965 - 2000, Acryl, Fotografie auf Papier und Holz, 102,9 x 52,1 x 50,8 cm, Edition von 6. Courtesy Monika Sprüth Philomene Magers, Berlin/London
Dies ist kein Stuhl, sondern eine Skulptur – oder ist es umgekehrt? Richard Artschwagers (geboren 1923) kistenartige Objekte können beides sein, oder auch beides nicht. Der Zweifel darüber, wie wir die Dinge ein- ordnen, ist das große Thema des Amerikaners, der seine Karriere als Tischler begann und sich mit seinen Möbelskulpturen einen Platz in der Kunstgeschichte zwischen Pop-, Minimal und Concept Art sicherte. Seine Skulpturen versieht er mit gemaserten Spanplatten, Acrylfarbe oder Resopal, und bildet auf ihnen etwa Tischbeine und einen imaginären leeren Raum darunter ab. Dabei kann es schon einmal passieren, daß so ein aufgemaltes Möbel sich plözlich platt an die Wand geworfen wiederfindet – als Relief. Das Spiel mit Zwei- und Dreidimensionalität gehört bei Artschwager ebenso dazu wie die Frage, ob etwas nun Malerei ist oder Skulptur, fiktiv oder real, Kunst oder Design. (Text: Ingolf Kern)
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Old Rose Garden, FS, 2008, Installation, Acryl auf Leinwand und Rietveld Stuhl. Courtesy Galerie Andrea Caratsch, Zürich
John Armleders »Furniture Sculptures« aus den 1980er Jahren sind längst Kultobjekte. Die neu arrangierten Altmöbel, die Armleder bei einem Möbelhändler auftrieb, begründeten seinen Ruf als einen der bedeutendsten Konzeptkünstler der Gegenwart. Heute arrangiert er auch schon einmal Blumensträuße, Fernseher, Spiegel, Weihnachtsbäume und ausgestopfte Tiere zu Installationen. 1954 in Genf geboren, bezieht Armleder sich auf das Duchamp’sche Ready-made, Fluxus und Minimal Art ebenso wie auf geometrisch-konstruktive Malerei. Alltägliches überführt er damit in den Kunstkontext, um ein »Wechselspiel zwischen Kunst und Leben, Ironie und Pathos« anzuregen. Duchamp lässt grüßen. (Text: Ingolf Kern)
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