Der Tümpel als Laufsteg – “We are animals” von Wrangler und Ryan McGinley

Im Jubiläumsjahr von Darwins “Entstehung der Arten” erinnert uns der Jeanshersteller Wrangler mit seiner (leider nur in Frankreich und auch schon vor ein paar Monaten) lancierten Kampagne “We are animals” an unseren eigenen Ursprung. Der Fotograf der Bilder, Ryan McGinley, sucht die Wurzeln der Menschheit allerdings entgegen Darwins vorsichtiger Spekulation auf einer etwas tieferen Etage im Geäst der Evolution: Bei den Amphibien und Reptilien.

Es muss ein grauer, regnerischer Tag gewesen sein, als der Mensch sich aus dem Krokodil entwickelte. Die ersten Exemplare unserer Art lagen offenbar noch faul im Uferschlamm und lauerten auf Beute, den Oberkörper ins trübe Wasser getaucht, während die Hinterbeine auf festem Boden ruhten, um den Körper dann unerwartet plötzlich ins Wasser schnellen zu lassen.
Aber Spaß beiseite, Ryan McGinleys fantastische Bilder von halb bekleideten schönen Models, aufgenommen wie für McGinley typisch in unspektakulären Landschaften (und diesmal meistens im Wasser), sind die gelungene Visualisierung einer Kampagne, mit der die amerikanische Jeansmarke in Europa Fuß fassen will. Wie ihr Macher Fred Raillard in einem erhellenden Videointerview erklärt, bestand die Aufgabe darin, das in den USA erfolgreiche Cowboy-Image an den Gusto des europäischen Kulturmenschen anzupassen. Und die Lösung war ein einfacher Dreh: nicht der Cowboy soll im Zentrum stehen, sondern das Vehikel seiner Existenz, das Tier. Und so wie McGinley die Idee in seinen Fotos übersetzt, möchte man Wrangler beinahe dankbar sein, dass es damals, an jenem regnerischen Tag, schon feste Jeanshosen gab.
Beim diesjährigen Werbefestival in Cannes wurde die Kampagne mit dem Goldenen Löwen in der Kategorie Print ausgezeichnet.
Nach dem Sprung mehr Fotos und zwei Videos.
Cartier I love you: Bruce Weber gesteht seine Liebe zu Hochkarätern – mit einem voluminösen Fotobuch

© Bruce Weber
Der amerikanische Starfotograf Bruce Weber hat sich in der Vergangenheit nicht gerade einen Namen in der Schmuckfotografie gemacht. Trotz dieses scheinbaren Mankos produziert er für den traditionsreichen Juwelier aus Paris ein monumentales Fotobuch. Gefeiert wird mit dem Werk, das im Laufe des Jahres (genauer mag sich der Verlag teNeues nicht äußern) erscheinen soll, das hundertjährige Bestehen der Firma in den USA. Laut einem Bericht im W Magazine war Weber äußerst überrascht, als Pierre Rainero, der Chef von Cartier International, bei ihm anklopfte und ihm das Projekt antrug. Angesichts von Webers Hang zum modischen Understatement und der Abwesenheit funkelnder Juwelen in seinem Werk eine durchaus nachvollziehbare Reaktion. Aber in dem Buch werden eben nicht nur Edelsteine von Cartier zu sehen sein. Vielmehr soll darin die Verbundenheit der Firma mit ihrem Standort USA zum Ausdruck kommen, und mit deren Kultur kennt Weber sich aus.
Für das Projekt erhielt er uneingeschränkten Zugang zum Firmenarchiv und grub Film- und Bilddokumente sowie Geschichten über die Firma aus, etwa jene von einer gewissen Ms. Plant aus New York, die es Anfang des vorigen Jahrhunderts trotz ansehnlichen Reichtums nicht wagte, in der frisch gegründeten New Yorker Niederlassung von Cartier ein Perlenkollier im Wert von 1 Million US Dollar zu erwerben, bis Pierre Cartier, der Enkel des Firmengründers, es ihr im Tausch gegen eine Immobilie an der Ecke 635th Avenue und 23rd Street plus einen Hundertdollar-Schein anbot. Endlich erfüllte sie sich ihren Traum, und Cartier kam in den Besitz neuer Geschäftsräume, in denen die Firma heute noch residiert.
Oder jene Geschichte von dem Chansonnier Serge Gainsbourg, der als Kind jüdischer Eltern im nazideutsch besetzten Frankreich einen Judenstern tragen musste und sich später als Mahnung an diese Zeit ein Exemplar des Sterns aus unvergänglichem Platin fertigen ließ – von der Firma Cartier. Doch Weber hat nicht nur jede Menge Anekdoten und Porträts von prominenten Kunden in dem Buch versammelt, sondern auch in eigenen Fotos die Kreationen von Cartier in Szene gesetzt. Dabei ging es ihm darum, das “Spielzeughafte von Schmuck” zu zeigen, wie er dem W Magazine gesteht. Das Bild am Anfang des Artikels zeigt das Amethyst-Kollier von Daisy Fellowes, der legendären ersten Chefredakteurin von Harper’s Bazaar, als Zierrat zwischen Erdnussbutter und Frühstücksmarmelade.
Bruce Weber ist bekannt für seine Modefotografien für Calvin Klein, Gianni Versace oder Ralph Lauren. Seine Arbeiten erschienen in Vogue, GQ, Vanity Fair, Interview oder dem Rolling Stone. Bekannte Buchpublikationen von ihm sind die All-American-Bände 1–8, Gentle Giants, Branded Youth oder The Chop Suey Club. In der Ausstellung Radical Advertising im NRW-Forum waren seine verstörenden Bilder von Teenagern zu sehen, die er für Werbekampagnen von Calvin Klein anfertigte.
Im amerikanischen Sprachgebrauch versteht man unter einem „Maverick“ einen Freigeist, jemanden, der gegen den Strom schwimmt und seinen eigenen Kopf hat. Schaut man sich die Herkunft des Begriffes an, entdeckt man Erstaunliches: Er geht zurück auf den texanischen Viehzüchter Samuel Augustus Maverick (1803–1870) und ist eng verknüpft mit der Geschichte des Brandings. Zu einer Zeit, als in den Schlachthöfen von Chicago erfahrene Einkäufer die Qualität des Fleisches an den Brandzeichen der Rinder ablasen, entschloss sich Maverick, seine Tiere als einzige nicht mit einem Brandzeichen zu versehen, und machte sie dadurch umso besser erkennbar. Der Freigeist in der amerikanischen Kultur wurde offenbar aus der Idee geboren, Branding durch Nichtbranding zu betreiben.
Diese und andere denkwürdige Episoden aus der Geschichte der Markenzeichen finden sich in einem lesenswerten Überblicksartikel des Unternehmensberaters Steven Kroeter auf designobserver.com, dem Blog des renommierten Designkritikers und Gründers der Zeitschrift Eye Magazine, Rick Poynor. Für alle, die sich einen ersten Überblick zu dem Thema verschaffen wollen, eine empfehlenswerte Lektüre.
Darf’s ein bisschen mehr Branding sein, bitte.

Szene aus EastEnders © Adam Pensotti/BBC
In der britischen BBC herrscht für Fernsehserien Logo-Verbot, kein Product Placement, keine Brands: jedes Markenzeichen muss sorgfältig verdeckt oder unkenntlich gemacht sein, wenn es ins Bild gerät. Der Filmstill aus der Serie “EastEnders” wirkt in seiner diesbezüglichen Aufgeräumtheit gespenstisch, besonders wenn man noch die Fotos aus Deanna Templetons Ausstellung bei uns im NRW-Forum vor Augen hat. Umso interessanter ist ein Blog-Beitrag auf der Webseite des Guardian, in dem darüber nachgedacht wird, ob nicht vielleicht bitte ein klein wenig mehr Branding die Abendunterhaltung realistischer und dadurch etwas würziger machen würde. Die Diskussion wird nun auch in der britischen Öffentlichkeit geführt. Branding als Mittel gegen Langeweile: da haben südkalifornische Teenager eindeutig die Nase vorn.

© Deanna Templeton
“TATTOOS EINER NEUEN GENERATION”
Das Art-Magazin schreibt heute über die Ausstellung “Scratch My Name on Your Arm” von Deanna Templeton:
Die Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf taucht in die kalifornische Skaterkultur und deren ganz eigenen Körperkult ein (…) Templetons Schwarzweißfotografien erlauben einen intimen Blick auf die Jungen und Mädchen, die die Namen ihrer Skater-Idole und Logos bekannter Marken auf ihrer eigenen Haut zur Schau tragen.
Zu dem Artikel geht es hier.

© Jay One (Frankreich)
Graffiti im Museum? Die Frage scheint obsolet, denn Kunst von der Straße wird mittlerweile regelmäßig in Galerien präsentiert, und auch Museen widmen ihr immer häufiger eigene Ausstellungen. So sind kürzlich in Wuppertal Werke von einigen der bekanntesten Streetart-Künstler zu sehen gewesen, darunter STOHEAD aus Berlin oder ZEVS aus Paris, der im vergangenen Jahr auch schon im NRW-Forum beim „Liqudieren“ eines Logos zu sehen war.
Dass die Frage dennoch Sprengstoff birgt, zeigt sich derzeit in Frankreich. Der Grand Palais in Paris beherbergt noch bis zum 26. April die Arbeiten von 300 Graffitikünstlern aus aller Welt. In der Öffentlichkeit macht sich Entrüstung breit. Wie kann es sein, fragen einige, dass der Staat einerseits Sprayer im öffentlichen Raum mit rigoroser Härte verfolgt, ihnen aber dann in der viktorianischen Ausstellungshalle ein Podium bietet und dafür öffentliche Gelder einsetzt. Öl ins Feuer gießt zudem der Geschäftsführer des angesagten Kunstmuseums Palais du Tokio, indem er polemisiert, 99 Prozent aller Graffitis stammten von Dummköpfen.
Dagegen verwehrt sich der Architekt und Graffitisammer Alain-Dominique Gallizia, der die Ausstellung kuratiert hat. Nur die Protagonisten der internationalen Sprayer-Szene hat er eingeladen, eine Arbeit zum Thema Liebe neben ihrem Tag, dem Namenszug als Ursprungsmotiv des Graffiti, im Grand Palais auszustellen.
Damit ist freilich noch nichts über die künstlerische Qualität gesagt. Die muss man wohl selbst einschätzen, wie es bemerkenswert viele Besucher dieser Tage in der Ausstellung tun. Der Sprayer Shuck von den französischen Antillen, berührt allerdings einen wichtigen Punkt in der Diskussion, wenn er sagt, er sei glücklich, mit dieser Ausstellung aus „Illegalität und Marginalisierung“ heraus in die Legalität zu treten. Für ihn widersprechen sich kritische Haltung und öffentliche Anerkennung nicht. Während einige der von Gallizia eingeladenen Sprayer absagten, weil sie weiterhin in der Anonymität arbeiten wollten, bereitet er sich damit auf den Schritt in den Kunstmarkt vor.
Allerdings bleibt offen, ob es neben der ästhetischen nicht auch die subversive Qualität, der Schwebezustand zwischen Illegalität und Legalität ist, der die Graffitikunst als kulturelles Phänomen auch für den Kunstmarkt so interessant macht. Wie es ein Lichtgraffiti-Künstler in einer Arte-Dokumentation ausdrückte: “Ohne den Ruch des Illegalen wäre das, was wir hier machen, nur eine Lichtshow wie jede andere.”

In Zeiten knapper Kulturbudgets gehen auch Museen zunehmend dazu über, mit ausgefallenen Werbeaktionen auf sich aufmerksam zu machen. Eine Institution, die recht früh die Scheu vor modernem Marketing ablegte, ist das Museum of Modern Art in New York. Dessen Museumsshop gilt als eines der verkaufsstärksten Ladengeschäfte überhaupt. Um die eigene Sammlung auch außerhalb von Downtown zu bewerben, gingen die Marketingstrategen des Museums kürzlich buchstäblich in den Untergrund. Für eine nicht bekanntgegebene Summe kauften sie die Bespielungsrechte für eine gesamte U-Bahn-Station. In den Hallen und Gängen der Haltestelle AtlanticPacific in Brooklyn ließen sie großformatige Reproduktionen ihrer berühmtesten Sammlungsstücke plakatieren, darunter Warhols Marilyn Monroe sowie Bilder von Picasso, Lichtenstein, Pollock oder Mondrian.
Diese Präsenz der ikonografischen Bilder erregte aber nicht nur die erwünschte Aufmerksamkeit bei Medien und potenziellen Museumsgängern, sondern rief sogleich auch das Kollektiv des Streetart-Künstlers Posterboy auf den Plan, das durch seine Adbustings in New Yorker U-Bahn-Stationen einige Berühmtheit erlangt hat. weiter »
Der französische Streetart-Künstler ZEVS besitzt nun eine eigene Website im Google-Look. Das Logo des Webdienstleisters wurde selbstverständlich “liquidiert”.

via rebelart.net
Der Reflex, beim Anblick von Schutzanzügen sofort an Mode zu denken, ist noch relativ unterentwickelt. Um unsere Sinne zumindest für Assoziationen in die Gegenrichtung zu schärfen, hat der italienische Modefotograf Oliviero Toscani gemeinsam mit zwei Kokuratoren eine Ausstellung konzipiert, die dem Einfluss der Berufsbekleidung auf die Entwürfe der Haute Couture nachspüren soll. In der Stazione Leopolda in Florenz haben sie 300 moderne Funktionsanzüge rund 70 Kreationen aus den berühmtesten Modehäusern der Welt gegenübergestellt. Damit wollen sie verdeutlichen, wie sehr sich Modedesigner von Schnitten und Materialien der Berufsbekleidung inspirieren lassen. Toscani, der schon mit seinen Schock-Kampagnen für die Firma Benetton am abgehobenen Selbstbild der Mode kratzte, unterstreicht so seine Rolle als Querdenker in der Fashionwelt. Mode, so sagt er in einem Interview auf designboom.com über seine Intention, solle nach den ästhetischen Höhenflügen der vergangenen Jahre endlich wieder für ganz normale Menschen gemacht werden.
Wer sich schon immer gefragt hat, wie man eines Originalwerks des hoch gehandelten Streetart-Künstlers Banksy habhaft werden kann, bekommt in diesem Video eine Anleitung. Ohne Steinsäge geht es nicht.
The Afflicted Yard: The Rock from Rickards Bros. on Vimeo.
via nerdcore.de

