Quadriennale 2010
Avantgarde „Made in Düsseldorf“
Nicht erst seit dem Start der Quadrienale vor vier Jahren ist Düsseldorf eine der interessantesten und renommiertesten Kunststädte Europas. Schon seit mehr als 200 Jahren wird in der Stadt am Rhein Kunstgeschichte geschrieben
Seine Karriere begann mit einer Herablassung. „Wo ist denn der kleine Engländer?“, fragte 1978 der Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie Norbert Kricke. Kricke stürmte aus seiner Senatssitzung, holte Tony Cragg, den „kleinen Engländer“, in den Saal und bot ihm eine Professur an. Ein Jahr später unterrichtete Cragg, der heute einer der international bedeutendsten Künstler ist, die Bildhauerklasse – bis 1988. An diese Anekdote erinnert Cragg sich gerne, wenn er jetzt, als neuer Direktor der Kunstakademie, die Geschicke des berühmten Traditionsinstituts lenkt.
Kunstakademie als Brutstätte der Avantgarde-Kunst
Die Düsseldorfer Kunstakademie, gegründet 1773 von Kurfürst Carl Theodor, war seit jeher ein Ort, an dem höfische Umgangsformen nicht gerade gepflegt wurden. Denn schließlich ist jeder Künstler-Professor darum bemüht, seine Kunstrichtung und seine, die natürlich einzig richtige, Lehrmethode gegen Konkurrenten durchzusetzen. Dieser Wettstreit untereinander führte dazu, dass das Traditionsinstitut nunmehr seit mehr als 240 Jahren gleichermaßen charismatische wie avantgardistische Künstler anzieht und ausbildet. Das war beispielsweise schon so, als der Maler Andreas Achenbach Mitte der 1830er-Jahre seine Ideen über eine progressivere Ausbildung der Akademiestudenten gegenüber dem konservativeren Malerkollegen Friedrich Wilhelm von Schadow durchzusetzen versuchte. Die Auseinandersetzungen der beiden bekannten Maler führten damals erstmals dazu, den Ruf der Akademie als bedeutendem Ort der Kunstausbildung weit über die Grenzen Preußens hinaus zu mehren.
Diskutiert wurde im Rheinland immer gerne. Einer, der das am besten konnte, war Joseph Beuys. Weil Professor Beuys es am liebsten gesehen hätte, wenn jedem Menschen eine Ausbildung zum Künstler offen stünde, geriet er in Konflikt mit seinem Arbeitgeber, Wissenschaftsminister Johannes Rau. Der wollte die Studienordnung des Landes Nordrhein-Westfalen nicht dahin gehend ändern, dass uneingeschränkt jeder an der Düsseldorfer Akademie zum Studium angenommen werden konnte – und so musste Beuys nach vielen Diskussionen und taktischen Winkelzügen 1972 seinen damals schon legendären Hut nehmen.
Vom Caféhaus ins Museum: Kunstszene vor dem Ersten Weltkrieg
Raus politische Entscheidung hatte nicht nur Protestschreiben international anerkannter Künstler zur Folge, sondern sie führte auch dazu, dass die kunstsinnige Stadtbevölkerung Düsseldorfs eifrig mit diskutierte – eine lebendige Szene von Sammlern, Galeristen und Museums- und Kunstvereinskuratoren, die damals wie heute der Avantgarde-Kunst mit großer Ernsthaftigkeit, mit Respekt und anhaltender Disputfreudigkeit begegnen. Anders lässt sich nicht erklären, dass gerade in Düsseldorf so viele Künstler aus dem In- und Ausland gelebt, gearbeitet haben und immer noch leben und arbeiten. Die Herausbildung neuer Stars am Kunsthimmel, die Diskussionen über die Möglichkeiten junge Kunst zu präsentieren, gingen in dieser Stadt von jeher Hand in Hand. Die große Sonderbundausstellung für zeitgenössische Kunst fand, bevor sie nach Köln abwanderte, zuerst 1908 in Düsseldorf statt. Kein Wunder, denn mit einer singulären Erscheinung wie Johanna „Mutter“ Ey, die 1910 eine „Kaffeestube“ in der Nähe der Akademie eröffnete, blühte die junge Szene Düsseldorfs auf. Mutter Eys Café war ein wichtiger Treffpunkt für Schauspieler, Musiker und Maler. Ihre Galerie eröffnete die füllige Dame mit der runden Nickelbrille einige Jahre später und gab dort den rheinischen Expressionisten Ausstellungsmöglichkeiten: Jankel Adler, Otto Dix, Max Ernst, Otto Pankok, Gert Heinrich Wollheim fühlten sich ihr verbunden. Dem blühenden Kunstleben der 20er-Jahre mit seinen avantgardistischen Bestrebungen – so war immerhin Paul Klee 1931-1933 Professor an der Düsseldorfer Akademie – machten die Nationalsozialisten hier wie in ganz Deutschland schnell den Garaus. Mittelmaß und ideologische Anbiederung übernahmen das Zepter in der Akademie.
Kunstwelt schaut wieder auf Düsseldorf.: Das Jahr 1957
Schon kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs nahm die Akademie ihren Betrieb wieder auf. Nun lehrten hier Künstler, die glaubten, Abstraktion sei der richtige Weg zu einer weltumspannenden Verständigung und zu einer neuen Kultur. Ewald Mataré und Karl Otto Götz wurden an die Akademie berufen. Aus ihren Klassen gingen Künstler wie Joseph Beuys, Gerhard Richter, Gotthard Graubner und Sigmar Polke hervor – auch der Schriftsteller Günter Grass startete an der Akademie seine Karriere -, eine Generation, die allerdings nicht mehr an die allein selig machende Abstraktion als „Weltsprache“ glaubte.
Bevor die Professoren und Schüler der erneuerten Akademie zu Ruhm und Ehre gelangen konnten, musste sich im Nachkriegsdeutschland eine Kunstszene entwickeln, die wieder internationalen Maßstäben entsprach. Maßgeblich dazu beigetragen hat der deutsch-französische Galerist Jean-Pierre Wilhelm. Er gründete 1957 in Düsseldorf seine einflussreiche Galerie 22 und gab dadurch der informellen Malerei in Deutschland einen wichtigen Impuls, in dem er seine vorzüglichen Kontakte nach Paris – der damaligen Kunstmetropole – intensivierte. Es entstand die Achse Düsseldorf–Paris, die auch für die folgende Generation wichtig bleiben sollte. Nur vier Wochen bevor Wilhelm seine Räume in Düsseldorf eröffnete, hatte auch ein anderer Künstler-Entdecker 1957 den Sprung in die Kunstszene gewagt: Alfred Schmela. Seine erste, zwei mal sieben Meter kleine Galerie in der Hunsrückenstraße eröffnete er mit monochromen Gemälden von Yves Klein. Die Galerie wurde schnell zum Insider-Tipp der deutschen und internationalen Kunstszene. So gab Schmela Avantgarde-Künstlern wie Jean Tinguely, Joseph Beuys, Arman, Wols und Jackson Pollock die Möglichkeit auszustellen. Und noch ein Ereignis fiel in das Jahr 1957. In einem von Kurt Link, Heinz Mack, Hans Salentin, Charles Wilp und Otto Piene gemieteten „Ruinenatelier“ fand am 11. April die erste Ausstellung einer jungen Gruppierung von Künstlern statt, aus der ein Jahr später die weltberühmte ZERO-Gruppe hervorging. Piene und Mack gründeten diese Gruppe 1958, zu der später auch Günther Uecker stieß. Dass beinah zeitgleich im Düsseldorfer Kunstverein die große „DADA“-Ausstellung stattfand, war sicher kein Zufall. Spätestens jetzt sprach sich in der internationale Kunstszene herum, wie aufregend und fortschrittlich Düsseldorfs Kunstszene war. Dabei hatte schon 1948 in der Kunsthalle die Ausstellung „Die Gegenstandslose Malerei in Amerika“ stattgefunden, eine Schau, die erstmals Kontakte zwischen New York und Düsseldorf herstellte und der andere, nicht minder interessante Ausstellungen zur jungen amerikanischen Kunst gefolgt waren.
Leben mit Pop: Aktionen der 60er- und 70er-Jahre
Mitte der 60er-Jahre hielt es junge Künstler nicht mehr in ihren Ateliers. Sie suchten sich andere Orte für ihre gesellschaftskritischen Arbeiten. Am 11. Oktober 1963 organisierten Gerhard Richter und Konrad Lueg im Möbelhaus Berges in der Altstadt die Ausstellung „Leben mit Pop – Eine Demonstration für den „Kapitalistischen Realismus“. Der Begriff „Kapitalistischer Realismus“ – als Gegenpol zur Kunst des Sozialistischen Realismus gewählt – sollte eine ganze Generation junger Künstler beschäftigen. Sigmar Polke, der nach seiner Flucht aus der DDR auch an der Düsseldorfer Akademie studierte, war einer von ihnen. Dass die Künstler nicht nur arbeiteten, sondern auch heftig feierten, gehört wohl zu einer intakten Szene dazu. In Fatty’s Atelier-Kneipe trafen sich die Zero-Leute, im Creamcheese die Akademie-Studenten um Professor Beuys. Und wer Ende der 60er-Jahre Kunst und Leben verbinden wollte, ging ins Eat-Art-Restaurant Spoerri, wo der Schweizer Künstler mit Joseph Beuys, Robert Filliou, Dieter Roth und Ben Vautier kunstvolle, aber nicht immer magenfreundliche Kreationen wie geräucherte Zitzen, Schweinsfuß und Kaldaunenwurst servierte.
Konrad Lueg gab sein Künstlerdasein früh auf und eröffnete stattdessen unter dem Namen Konrad Fischer eine Galerie. Als erste Ausstellung präsentierte er 1967 den Minimal-Art-Künstler Carl Andre. Minimal Art war damals nahezu unbekannt in Europa. Fischers Engagement für Künstler wie Bruce Nauman, Richard Long, Sol LeWitt, Hanne Darboven machten ihn auf dem internationalen Kunstparkett im Handumdrehen bekannt. Und schon Ende der 60er-Jahre galt die Galerie als der Ort, an dem neue Kunsttendenzen entdeckt wurden. Seit dem Tod Konrad Fischers vor 14 Jahren führt seine Frau die Galerie auf gewohnt hohem Niveau mit Künstlern wie Gregor Schneider und Thomas Schütte weiter.
Leben für die Fotografie: Die Becher-Schule
Im Gegensatz zu den durch Aktionen und Ausstellungen präsenten Künstlern wie Richter oder Uecker entwickelten Bernd und Hilla Becher ihre neue Fotografie verlassener Industriedenkmäler seit Ende der 50er-Jahre im Stillen. Als Bernd Becher 1976 eine Professur für Fotografie an der Akademie bekam, konnten die beiden Künstler ihr Konzept endlich weitergeben. Die Schülergeneration von Bernd und Hilla Becher, zu der Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Struth und Axel Hütte zählen, machte die Fotografie der „Düsseldorfer Schule“ international bekannt und zu einem gefragten Sammelobjekt.
Düsseldorf macht mobil: Trendige Kunstszene trotz (oder wegen?) des Berlin-Hypes
Als Anfang der 90er-Jahre dann die große Wanderung von Sammlern und Galerien nach Berlin begann, war Düsseldorf kaum betroffen. Denn die Künstlerinnen und Künstler studierten auch weiterhin an der Akademie und die Galerien, die in der Stadt waren wie Hans Mayer, Michael Cosar, Sies + Höke oder Fischer folgten nicht dem Sog der Hauptstadt, so wie es ihre Kölner Kollegen taten. Im Gegenteil: neue Galerien wie Schönewald, Pfab oder Van Horn etablierten sich in der Landeshauptstadt. Auch die Museen machten mobil. Mit dem „KIT“ (Kunst im Tunnel) kam ein neuer Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst hinzu, und die Akademie eröffnete ihre Akademiegalerie, um den „Akademikern“ einen eigenen Raum zur Präsentation zu geben. Die Kunstsammlung NRW mit den beiden Häusern K20 und K21 wurde in knappen zwei Jahren erweitert und die Landesregierung kaufte jüngst das ehemalige Galeriehaus Alfred Schmelas. In einer Kooperation mit dem Unternehmen Eon entstand das neue Museum Kunstpalast und seit einigen Jahren sorgt das NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft unter der Leitung von Werner Lippert und Petra Wenzel mit aufsehenerregenden Ausstellungen zu Design, Fotografie und Mode für Furore. Und dass der „kleine Engländer“ nun als Nachfolger des Malerfürsten Markus Lüpertz die Düsseldorfer Kunstakademie führt, macht sich schon bemerkbar. Denn Cragg ernannte kurz nach seinem Amtsantritt die neuen Professoren Katharina Fritsch, Andreas Gursky und Katharina Grosse. Nun sind wieder Lehrende an der Akademie, die auch in der Stadt präsent sind und die mit ihren Studenten die Szene wieder neu beleben werden.
Mit Ausstellungen in zehn Museen und Ausstellungshäusern, in Partner-Institutionen und in über 30 Galerien spannt Düsseldorf ab dem 10. September mit der Quadriennale 2010 in einem einzigartigen Kunstfest einen Bogen auf mit künstlerischen Impulsen aus den letzten 50 Jahren bis Heute.
Newsletter bestellen
Aktuell
Kontakt
NRW-Forum Kultur und Wirtschaft
Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf
Tel.: +49 (0)211 – 89 266 90
Fax: +49 (0)211 – 89 266 82
Öffnungszeiten & Preise
Dienstag bis Sonntag 11 bis 20 Uhr
Freitag 11 bis 24 Uhr
EG: Erwachsene 5,80
(3,80 ermäßigt*)
EG + OG: Erwachsene 7,80
(5,30 ermäßigt*)
Freitag ab 18 Uhr: 3,80
(keine weiteren Ermäßigungen)
Freitag 20 Uhr: kostenlose Führung in Deutsch

