Die Abgründe der Tulpen
Foto: Robert Mapplethorpe: Parrot Tulips, 1988 (Detail) Die gefährlichsten Bilder der Kunstgeschichte: Zur großen Robert-Mapplethorpe-Retrospektive in Düsseldorf
Seine Bilder haben heftige Proteste ausgelöst, amerikanische Gerichte beschäftigt und Kuratoren um ihren Job gebracht. Auch die Entscheidung, dem staatlichen Förderprogramm der USA für die Künste die Finanzmittel vor Jahren drastisch zu kürzen, haben sie befördert. Die massiven Reaktionen wirken umso rätselhafter, als kein Künstler im 20. Jahrhundert den Prinzipien der klassischen Kunst Europas erbötiger folgte als der Fotograf Robert Mapplethorpe. Pornografie lautete der Vorwurf gegen seine Bilder gemeinhin. Selbst ernannte Sittenwächter warfen sich in die Pose von Herolden des „gesunden Volksempfindens“.
Niemand kann bestreiten, dass Sex eine wichtige Rolle im Werk des Künstlers spielt – Sex als Synonym für Geschlecht, einschließlich der differenzierenden körperlichen Merkmale, und Sex als eine häufig praktizierte körperliche Art zwischenmenschlicher Beziehung mit diversen Abwandlungen. In den veröffentlichten Bildern allerdings eher selten. Die eigentliche Herausforderung besteht in ihrer Form. Denn Mapplethorpe machte die Geschlechtlichkeit des menschlichen Körpers in einem Bild-Stil zum Gegenstand, der sich an der klassischen Antike und ihrer Wiederbelebung in der Renaissance orientiert.
Tatsächlich sind seine Bilder so anfechtbar wie klassische Skulpturen, bevor sogenannte „Volkswut“ den männlichen Versionen das Gemächt abschlug. Die erotische Null- Diät lässt die Antike seither wie einen geistigen Langeweiler erscheinen.
Dass sie entgegen bürgerlicher Philologen-Prüderie alles andere war, rufen die Bilder von Robert Mapplethorpe nachdrücklich in Erinnerung. Sie zitieren, paraphrasieren und reflektieren nicht nur das formale Rüstzeug klassischer Kunst, sondern sie erstatten den entleerten Formen ihre Vitalität und Erotik zurück. Eindrucksvoll bestätigt die neuerliche Renaissance eine brillant inszenierte Retrospektive im NRW-Forum Düsseldorf mit rund 150 sorgfältig ausgesuchten Beispielen. Die Ausstellung versammelt neben den berühmten Porträts und den beunruhigenden Blumen-Stillleben auch nachdrückdie berühmteren Körper-Bilder mit und ohne Erotik.
Robert Mapplethorpe starb am 9. März 1989 im Alter von nicht einmal 43 Jahren nach steiler Karriere im Kunstbetrieb. Seine Bilder feierten ihre Europa-Premiere auf der documenta 6 in Kassel, zu der wir ihn 1977 eingeladen haben. Mapplethorpes Medium war die Fotografie. Dabei hatte er Grafik, Malerei und Bildhauerei studiert. Wie viele junge Künstler fand auch Mapplethorpe über die Brücke des intimen Sofortbildes zur Fotografie. Er gehörte zur subkulturellen Szene New Yorks, die damals die Grenzen des menschlichen Erfahrungsspektrums auslotete. Mit der Musikerin Patti Smith hat er im legendären Chelsea Hotel auf der 42. Straße gelebt. In Max’s Kansas City Bar am Union Square, einen Steinwurf von Andy Warhols Factory entfernt, traf er die Künstler der Avantgarde von Carl Andre bis Larry Weiner, den er hinreißend porträtierte. Wie viele Künstler, Filmer, Designer, Schriftsteller, Sammler, Kuratoren und Kritiker wurde Mapplethorpe Opfer der Immunschwäche HIV.
Von der Nachtseite der letzten Avantgarde der zeitgenössischen Kunst wussten nur Insider des Kunstbetriebs, zumeist selber Teil der „Szene“. Sie war auch nie die wirkliche Ursache für die Gegenwehr, die seine Bilder erzeugten. Ich glaube vielmehr, dass die Hinweise auf den pornografischen und homosexuellen Bezug der Bilder mit bisweilen sadomasochistischem Einschlag vorgeschoben sind und den Kern der Dinge bemänteln. Sie verhüllen ein amerikanisches Angstsyndrom, präziser: das Syndrom weißer amerikanischer Männer. Robert Mapplethorpes fotografische Bilder verkörpern – im wahren Wortsinn – die herausfordernde Schönheit, Kraft und Macht schwarzer Männer. Nur kurz zur Erinnerung: Als der Künstler sie schuf, hätte keiner auch nur einen Penny darauf verwettet, dass ein Afroamerikaner zu Anfang des 21. Jahrhunderts zum US-Präsidenten gewählt werden würde.
Zum ersten Mal in der westlichen Kunst stellen die Bilder des umstrittenen Künstler-Fotografen Menschen, Männer farbiger Hautfarbe, als ihrer selbstbewusste Individuen dar, ohne jeden Anflug von Folklore, dokumentarischem Interesse oder Überheblichkeit und betonen ihre sexuelle Ausstrahlung. Es geschieht in einem Bildmodus, der in der kulturellen Tradition dem „Schönen, Wahren und Guten“ vorbehalten ist. Die Modelle posieren vor dunklem oder hellem Fond in perfekt modulierender Ausleuchtung wie die antiken Helden und Sportler, mitunter im direkten Verweis auf ihre marmornen Vorbilder. Im Unterschied zu den kalten Steinstatuen indes pulsiert unter ihrer ganz differenziert plastisch und porentief wiedergegebenen Haut sicht- und beinahe fühlbar schiere Lebenskraft. Von wegen kalt, das perfekt beherrschte Licht intoniert die Haut geradezu wie einst die Malkunst Tizians die Seidenhaut der Venus. In den erotischen Versionen zeigen die Männer auch, was sie haben.
In der scheinbaren Travestie, die tatsächlich keine ist, verbirgt sich in Wirklichkeit die unverminderte Provokation der Bilder. Deshalb bezeichnet sie Arthur C. Danto zu Recht als die „schockierendsten – und gefährlichsten – Bilder der modernen Fotografie oder sogar der Kunstgeschichte“.
Natürlich war Robert Mapplethorpe nicht naiv. Deshalb ist sein Klassizismus auch nicht ungebrochen. Als Fragmente erscheinen viele Körper; als Torsi, wie die überlieferten antiken Skulpturen. Am durchtrainierten Körper der Bodybuilderin Lisa Lyons – der Meister hat nicht ausschließlich Männer nackt fotografiert – blättert der (vorher aufgetragene) Putz. Den formalen Experimenten mit der vollkommenen Figur des Kreises (Tondo) haftet etwas Vergebliches an.
Robert Mapplethorpe erfasste wie nur wenige seiner Zeitgenossen die Ambivalenz der menschlichen Natur. Weder seine formidablen Kinder-Bilder noch seine Blumen- Stillleben noch seine Porträts unterschlagen ihre dunklen Aspekte – man muss nur genau hinschauen.
Fast beiläufig öffnet die Düsseldorfer Schau den Blick dafür. Einmal springt eines der frisch gerahmten Bilder aus dem streng horizontalen, aber in subtilem Rhythmus entwickelten „klassischen“ Schema der Schau: Es zeigt einen Totenkopf.
Quelle: Klaus Honnef in: Die Welt, 8. Februar 2010
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