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Pressefotos Nrwforum Gute Aussichten2016 Laura Schleder 32

gute aussichten - junge deutsche fotografie // new german photography 2016/2017

Laufzeit: 19.11.2016 bis 15.01.2017
Eröffnung: 18.11.2016
Presse-Preview: 17.11.2016, 11 Uhr

Pressemitteilung (PDF)

Prominente Jury kürt Fotografen-Nachwuchs

Mit der Ausstellung „gute aussichten 2016/2017“ präsentiert das NRW-Forum Düsseldorf vom 19. November 2016 bis 15. Januar 2017 die besten Fotografie-Absolventen des Landes. 

„Integriert euch doch alle selbst!“, scheinen die Bilder von gute aussichten 2016/2017 dem Betrachter zuzurufen, „und entdeckt dabei die Fremde und das Fremde in euch.“

Ihre Arbeiten hinterfragen unser Weltbild, stellen Sehgewohnheiten auf den Kopf und grundlegende Fragen neu: Einmal im Jahr kürt die Jury des Fotowettbewerbs „gute aussichten – junge deutsche fotografie“ die besten Arbeiten einer neuen Fotografen-Generation. Erstmals findet die Auftaktausstellung des wichtigsten deutschen Nachwuchspreises in diesem Jahr in Düsseldorf statt. Seit September stehen die neuen Preisträger fest; Miia Autio (Fachhochschule Bielefeld), Chris Becher (Kunsthochschule für Medien Köln), Carmen Catuti (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig), Andreas Hopfgarten (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg), Holger Jenss (Kunsthochschule Kassel), Quoc-Van Ninh (Hochschule für Künste Bremen) und Julia Steinigeweg (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) sind die Preisträger von gute aussichten 2016/2017.

Zum dreizehnten Mal haben die Begründer, Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin Josefine Raab und Stefan Becht, Autor und Journalist, die Professoren aller deutschen Hochschulen und Akademien mit einem Studiengang Fotografie dazu eingeladen, Abschlussarbeiten von bis zu fünf ihrer Absolventen einzureichen. Die achtköpfige Jury, in diesem Jahr bestehend aus Herlinde Koelbl, Mario Lombardo, Ingo Taubhorn, Thomas Neumann, Wibke von Bonin, Amélie Schneider, sowie den beiden Begründern Stefan Becht und Josefine Raab, wählte aus 77 gültigen Einreichungen von 32 Institutionen sieben Preisträger und ihre sehr vielfältigen Arbeiten aus. In diesem Jahr präsentiert gute aussichten – junge deutsche fotografie // new german photography 2016/2017 über 280 Motive, sechs Videos, drei Publikationen, zwei Diaprojektionen, ein Buch und erstmals 78 laubgesägte Holzbäume, einen Duschvorhang und einen Baum aus Papier & Tusche als Objekt. Gemeinsam ist den Arbeiten eine Auseinandersetzung mit dem Eigenen, dem Fremden und dem Fremden als Teil von sich selbst.

Miia Autio: Variation of White, 2015/2016

Dunkelhäutige Frauen und Männer in bunter Kleidung bevölkern die Porträts von Miia Autio und verorten diese Menschen in unserem westlichen Blick nahezu instinktiv in Afrika. Irritation erregt jedoch sofort ein roter Punkt an der immer gleichen Stelle. Auch die röntgenartige Optik, die sich in „unser“ Bild drängt, signalisiert, dass unser Eindruck und der wahre Bildgegenstand vielleicht nicht übereinstimmen. Denn nicht das Positiv, sondern das Negativ wurde für den Abzug verwendet. Und dieses sorgt dafür, dass wir schwarze Menschen sehen, die in Wirklichkeit weiß sind. Ein genetischer Defekt hat aus ihnen Albinos gemacht, was in Tansania mit dem Glauben an magische Kräfte verknüpft ist und die Betroffenen zu Außenseitern der Gesellschaft stempelt. So behandelt ‚Variation of White‘ in erster Linie das subjektive Sehen und das Entstehen von Bildern in unserem Kopf, das nach vergleichbaren Mustern abläuft wie die Bildung von Vorurteilen.

Chris Becher: Boys, 2015/2016

Um vorgefertigte Bilder und klischeebehaftete Meinungen geht es in ‚Boys‘ von Chris Becher. Dieses Sujet ist ein besonderes Minenfeld, denn Menschen, die professionell ihren Körper anbieten, umgibt in der Vorstellung der „Normalbürger“ ein schmuddeliges, zwiespältiges Image. Es ist schnell die Rede von einem halbseidenen Milieu mit zwielichtigen Protagonisten. Dabei handelt es sich um ein Gewerbe, das so alt sein dürfte wie die Welt. Je nach kulturhistorischem, politischem oder religiösem Kontext schwankt die öffentliche Meinung zwischen Akzeptanz, Ablehnung, Kriminalisierung oder Verfolgung. All dieses hat Chris Becher mit seiner fotografischen Feldstudie elegant umschifft. Indem er uns männliche Sexarbeiter auf gleicher Augenhöhe in sachlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt, lenkt er unseren Blick auf die Menschen, die im Fokus seiner Untersuchung stehen. Und indem er jegliche Bewertung bewusst vermeidet, öffnet er auch unseren Blick für eine wertfreie Betrachtung.

Carmen Catuti: Marmarilo, 2013–2016

Marmor, Gold, Samt und Seide sind Materialien, die in sakralen Kontexten zur Inszenierung von Heiligkeit und Spiritualität dienen. Ihre Kostbarkeit illustriert göttliche Allmacht und Präsenz. Hinzu gesellt sich ein Kanon von Formen, Gesten und Haltungen, der sich im Lauf der Jahrhunderte in der christlichen Bildpraxis etabliert hat. Auf dieses Dreigespann aus Material, Geste und Form referiert ‚Marmarilo‘ (georgisch für Marmor). Gegliedert in zwölf Werkgruppen, befragt, zitiert und interpretiert Carmen Catuti die Zeichensprache religiöser Repräsentanz. So schimmert das Blau als Verweis auf das Göttliche im Bildnis einer jungen Frau, in einem Faltenwurf, im Abdruck einer Ikone oder als Dekor für liturgische Artefakte. Gegenspieler ist das Rot, in der Bibel die Farbe für Sünde und Sühne, verknüpft mit Strafe, Krieg und Tod. Im Rot schließt sich der Kreis, ganz im bildhaften Sinne des Wortes – als Metapher und als Versprechen des Ewigen.

Andreas Hopfgarten:
Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung, 2014–2016


Aus Briefen, Dokumenten, Erzählungen, Fotos und anderen Fundstücken konstruierte Andreas Hopfgarten ‚die verlorene Erinnerung‘ seiner Familie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach. Ein hybrides Puzzle
mit vielen Leerstellen, das er, einem Archäologen gleich, Stück für Stück ausgräbt, zusammensetzt und mit eigenen Bildern und Objekten füllt. Hopfgartens Vorgehensweise kann als exemplarisch gelten, speist sich unsere Erinnerung doch aus einer Vielzahl von Bruch- und Versatzstücken gelebten Lebens. Sich erinnern ist nie ein faktischer Akt, sondern ein Hineintauchen in die Sedimente unserer Seele. Dorthin, wo wir Angst, Freude, Glück, Liebe, Schmerz und Verlust vergraben, alles Erlebte speichern wie in einer Blackbox. Ein Geruch, ein Klang, ein Bild vermögen diese Box zu öffnen und uns zu vergegenwärtigen, dass Erinnerungen tief verwurzelt sind in unserem Sein – wie die ‚Weltesche Yggdrasil‘, der Weltenbaum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgreift.

Holger Jenss:
Last Chance Junction, 2014 – 2016

Ein weißer Europäer fährt nach Afrika – das erweckt in uns Bilder von Forschern und Eroberern, von „Wilden“, denen Kolonialisten Kultur brachten, von Versklavung, Hunger und Krieg, von Dr. Grzimek, Safari und postkolonialer Afrikaromantik. Nichts von alledem hat Holger Jenss aus Ghana mitgebracht, und doch steckt all das in ‚Last Chance Junction‘. „Critical Whiteness“ ist eines der Stichwörter, dem Jenss auf die Spur kommen wollte. Er war in Ghana die Minderheit. Der Weiße, der mit einem Blick nach Afrika kommt, in den unausweichlich all jene Bilder eines Kontinents geflossen sind, der seit der Antike von fremden Mächten heimgesucht wird. So setzt sich Jenss in (selbst)ironischer Weise mit diesen Sedimenten unseres kollektiven (Bild-)Gedächtnisses auseinander und nimmt dabei nicht nur seine eigene kulturelle Aneignung, sondern auch die kuriose Verinnerlichung der weißen Kultur seitens der Afrikaner aufs Korn.

Quoc-Van Ninh: Tenebrae, 2015/2016

Was aktuell moralisch wie politisch für gehörigen Sprengstoff sorgt und zwischen den verschiedenen Fronten zu einem Granulat aus bizarren An- und Aussprüchen zermahlen wird, betrachtet Quoc-Van Ninh in ‚Tenebrae‘ trotz seiner inneren Zerrissenheit mit einer gewissen Gelassenheit. Er hat die gratwandlerische Aufgabe, sich zwischen drei verschiedenen Kulturkreisen zu bewegen: Sein Vater ist Vietnamese, seine Mutter aus China und er in Deutschland geboren und aufgewachsen. Quoc-Van Ninh ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass Integration immer dann gelingt, wenn nicht verlangt wird, alle „fremden“ kulturellen Wurzeln zu kappen. Die subjektive Verortung ist bisweilen unbestreitbar schwer, aber sie ist integrativer Bestandteil jeder Sozialisation. Es ist gut, Quoc-Van Ninh in die dunkle Welt seines gefühlten Andersseins zu folgen, erzählt sie uns doch in jedem Fall auch etwas über uns selbst.

Julia Steinigeweg: Ein verwirrendes Potenzial, 2012–2015

Puppen haben eine lange Tradition – im Kinderzimmer wie in der Kunst. Im Kinderzimmer wird spielerisch das Leben an ihnen geübt. In der Kunst dienen sie als Modell, als Artefakt oder Objekt, als Projektionsfläche oder als lebensechte Skulptur. Julia Steinigeweg untersucht ein Phänomen, das irgendwo dazwischen angesiedelt ist: Lebensgemeinschaften mit Puppen – als Partner- oder Kindersatz, möchte man instinktiv hinzufügen und bezweifelt sogleich, ob dies 
so stimmt. Viele Gründe können Menschen dazu bewegen, ihr Leben mit einem lebensechten, aber nicht lebendigen Gegenüber zu verbringen. Die Rollen zwischen Mensch und Puppe jedenfalls sind klar verteilt. Einerseits. Anderseits stellt sich die Frage, in welche Art der Beziehung ein erwachsener Mensch zu einem leblosen Objekt treten kann und will. Und wie reagieren wir auf ein solches Phänomen? Kinder jedenfalls lieben und hassen ihre Puppen, behandeln
 sie wie ihresgleichen und benehmen sich ihnen gegenüber manchmal auch sehr schlecht – „ein verwirrendes Potenzial".

Weitere Informationen unter http://www.guteaussichten.org/

Laut dem Magazin Der Spiegel ist „gute aussichten“ der renommierteste Wettbewerb für junge Fotografen. Nach der Auftaktausstellung im NRW-Forum Düsseldorf werden die ausgewählten Künstler in weiteren Ausstellungen und Aktionen national und international ausgestellt. Wie jedes Jahr erscheinen ein begleitender Katalog und die Publikation „gute aussichten Spezial“. Der Katalog erscheint im Sieveking Verlag und stellt auf 224 Seiten die Preisträger und ihre Arbeiten vor (24,90 Euro, ISBN 978-3-944874-54-8).

Ziel des Nachwuchsförderungsprojektes ist es, jungen, weitgehend unbekannten Künstlern eine breite Fotografie-interessierte Öffentlichkeit zu ermöglichen. Neue fotografische Strategien, die mediale Grenzen überschreiten und Zukunftsthemen verhandeln – mit dem 2004 in Wiesbaden ins Leben gerufenen Nachwuchsförderungsprojekt ergänzt das NRW-Forum Düsseldorf sein Ausstellungsprogramm, das sich auch mit der neuen Veranstaltungsreihe .ftlbr jungen, experimentellen fotografischen Positionen widmet. „Mit Formaten wie gute aussichten und .ftlbr möchten wir mutige Arbeiten und überraschende Ausstellungen präsentieren. Düsseldorf war eine der wichtigsten Städte der Fotografie und ich möchte dafür sorgen, dass dies auch in Zukunft noch so ist“, sagt Alain Bieber, künstlerischer Leiter des NRW-Forum Düsseldorf.

Pressekontakt | Stefan Becht | Fon+49 (0)6321970 67 99 , M. +49 (0)172- 988 64 37 |info@guteaussichten.org | www.guteaussichten.org

Pressebilder

Das aufgeführte Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung (in Print- und Online-Medien sowie über Social Media-Kanäle) und unter Nennung der angegeben Fotocredits frei nutzbar. Sechs Wochen nach dem Ausstellungsende erlischt das kostenfreie Nutzungsrecht.

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